Die Trends der Typografie: immer flexibler, oft fetter – und manchmal ziemlich retro

Mit den Trends ist es so eine Sache: Sie entstehen, wenn sich viele Menschen für dieselbe Sache oder einen identischen Stil begeistern. Irgendwann jedoch wird der Trend zum Mainstream – und wir sehnen uns nach Abwechslung. Neue Trends entstehen, Gegentrends bilden sich und obendrein kann es für Menschen oder Marken auch legitim sein, sich Trends gänzlich zu widersetzen. Die Typografie macht da keine Ausnahme.

Norbert Möller, Executive Creative Director

Ganz generell: Schrift bleibt wichtig. Die bildhafte und bewegte Kommunikation mag oft einfacher zu konsumieren sein – die schriftliche Informationsvermittlung ist jedoch eindeutig nachhaltiger. Dementsprechend entstehen auch weiterhin jeden Tag neue Schriften, zumal die Schrifterstellung und -verbreitung durch digitale Möglichkeiten um ein Vielfaches einfacher geworden ist. Bei Google Fonts gibt es mittlerweile 900 Schriftarten zur freien Verwendung, die größtenteils über das lateinische Schriftsystem hinausreichen. Bestes Beispiel: das Open-Source-Projekt „Noto“. Diese Schriftfamilie besitzt den Anspruch globaler Funktionalität und umfasst aktuell 800 lebende und ausgestorbene Sprachen sowie 100 Schriftsysteme.

Der Trend zur Vielfalt zeigt sich auch beim großen Mega-Thema der variablen Fonts, die für digitale Medien in Zukunft massiv an Bedeutung gewinnen werden: Noch sind wir es gewohnt, mit fest definierten Schriftschnitten zu arbeiten. Zum Beispiel mit einer „Light“ oder „Bold“. Oder wir setzen unterschiedliche Breiten ein – wie „Condensed“ oder „Extended“. Variable Fonts ermöglichen hingegen, stufenlose Einstellungen vorzunehmen und beliebige Zwischenschnitte zu erstellen. Das erhöht nicht nur die Flexibilität, sondern minimiert zugleich die Dateigrößen und Ladezeiten im Web: Die verschiedenen Schriftschnitte müssen schließlich nicht mehr als Einzeldateien abgelegt werden.

Spannende Entwicklungen gibt es auch bei den sogenannten Display Typefaces: Früher bezeichnete man so Druck- und Screenschriften, die auf der Typometrie der Antiqua basierten und als Schmuckschriften in Headlines verwendet wurden. Mittlerweile lässt sich unter diesem Oberbegriff jedoch nahezu alles subsummieren: Schreibschriften, Pinselschriften, Outlineschriften, Schriften mit skalierbaren Verläufen oder Schriften, mit denen maskiert wird.

Womit wir bei stilistischen Trends wären: Mein Eindruck ist, dass Schriften insgesamt immer größer und fetter werden. Vor allem der Kontrast zwischen Überschrift und Fließtext fällt häufig extrem aus. Oft werden die fetten Buchstaben auch mit Bildern und Illustrationen gefüllt oder als grafisches Gestaltungselement eingesetzt, bei dem die Lesbarkeit nicht mehr wirklich relevant ist. Parallel zum lauten Trend gibt es jedoch auch einen leisen: serifenlose Schriften, die in einem minimalistischen Design eingesetzt werden, in dünnen Schriftgraden, leicht gesperrt, meistens im Layout zentriert. Der so entstehende unaufgeregte Eindruck lässt Bilder und Botschaften bestmöglich zur Geltung kommen.

Im urbanen Lebensraum setzt sich zudem der Trend zum Handgemachten fort – der sich wiederum in der Typografie widerspiegelt: Gestalter auf der ganzen Welt sind vom Hype rund um Kalligrafie und Handlettering erfasst. Diese bilden eine Art romantische Gegenbewegung zur Digitalisierung, die Beruf und Freizeit immer stärker durchdringt. Eine andere Reaktion: Man flüchtet sich als Designer in eine Epoche, in der alles Digitale noch aufregend und neu war: Die Achtziger- und Neunzigerjahre erleben ein ästhetisches Revival – und mit ihnen Retro-Anleihen, Neon-Look und die Typografie aus Fernsehserien und Videospielen dieser Zeit. Zur Beruhigung für alle, die auf diesen Trend keine Lust haben: Wie am Anfang erwähnt, ist zu jedem Trend auch ein Gegentrend erlaubt.

Dieser Artikel wurde im Magazin "Passion" (3/2019) von BERLIN Druck veröffentlicht.