Die Hannover Messe als Spiegel von digitaler Transformation und schwedischem Optimismus

Die Hannover Messe ist die größte Investitionsgütermesse der Welt und belegte in diesem Jahr, wie die Digitalisierung sämtliche Branchen durchdringt. Sechs Mega-Themen waren allgegenwärtig – und das Gastland Schweden zeigte, wie locker und unverkrampft man mit KI, IT und IoT umgehen kann.

Norbert Möller, Executive Creative Director

Wer für Marken aus der Industrie arbeitet, sollte darüber informiert sein, was die Branche beschäftigt. Ein Pflichttermin hierfür ist die Hannover Messe – denn diese ist nicht weniger, als die größte Investitionsgütermesse der Welt. In diesem Jahr stand sie unter dem Motto „Integrated Industry – Industrial Intelligence“ und das Thema Digitalisierung war omnipräsent: Alle großen IT-Hersteller waren vertreten und auch klassische Industriekonzerne stellten ihre Digitalisierungsinitiativen in den Vordergrund.

Ein Vortrag, den ich auf der Messe gestreift habe, handelte nur von Buzzwords und den vielen Abkürzungen, die es mittlerweile gibt: DL, ML, AI, DS, PA, OR, etc. – hier muss vielleicht auch noch an der Vermittelbarkeit der Prozessbegriffe gearbeitet werden, denn in erster Linie erschien es mir als Vokabular von und für Ingenieure. Zum breiten Verständnis in der Öffentlichkeit trägt dies nicht unbedingt bei. Was mich zur nächsten Frage führte: Wenn die Themen immer mehr Fachexpertise erfordern – ist dann eine Messe immer noch das geeignete Forum? Wie soll man datenbasierte Anwendungen im klassischen Format eines Messestands präsentieren? Wie macht man anfassbar, was sich nicht abbilden lässt?

Mein Eindruck war, dass sich die Hannover Messe mittlerweile von der Ausstellung zum Networking-Event weiterentwickelt hat. Hier geht es um Wissensaustausch unter Experten.

Und diese sechs Themen waren in Hannover allgegenwärtig:

Künstliche Intelligenz

Vor ein paar Jahren lautete das Schlagwort noch „Big Data“ – heute sind wir einen Schritt weiter: Wir generieren durch die Entwicklung zur Industrie 4.0 Datenmassen und fragen uns, wie wir diese Flut an Informationen auswerten können. Künstliche Intelligenz (KI) ist hier der einzig denkbare Ausweg: Was wir als Mensch unmöglich bewältigen können, müssen wir an die geballte Rechenkraft der Maschinen delegieren. KI wird somit zur Schlüsseltechnologie für die Industrie werden.

Für Laien mag sich diese Entwicklung gefährlich anhören: nach Science-Fiction und Übernahme der Weltherrschaft durch Aliens. Aber es ist eigentlich nichts anderes, als ein Analyse- und Auswertungsverfahren. Die Intelligenz besteht darin, dass das System aus den vorhandenen Daten schlussfolgern und die Ergebnisse weiterverarbeiten kann. Dies trägt natürlich im erheblichen Maße zur Wertschöpfung bei. Künstliche Intelligenz macht sich dann aber keinesfalls selbstständig. Der Mensch bestimmt die Grenzen und kontrolliert, welche Aufgaben sie übernehmen soll. Natürlich kann sie – wie so viele technische Errungenschaften – auch missbraucht werden, aber: Die Industrie wird in Zukunft nicht mehr ohne sie auskommen können.

Standardisierung

Eigentlich war es immer schon so, dass Gesetzgebungs- und Normierungsverfahren der technischen Entwicklung hinterherhecheln – aber das Tempo der Digitalisierung macht die Kluft zwischen Machbarkeit und Sicherheit immer größer. In einer international besetzten Talkrunde auf dem Forum Industrie 4.0 waren sich alle auf dem Podium einig, dass fehlende Standards ein großes Hindernis für die aktuelle Entwicklung auch auf internationaler Ebene darstellen. Die Schnittstellen der Prozesse verändern sich gewaltig, weil die digitale und die physische Welt miteinander verschmelzen.

Ich war neugierig und habe mich auf dem DIN-Stand darüber informiert, wie man mit dieser Entwicklung umgeht. Hier erfuhr ich, dass man für diese neuen Anforderungen ein neues, agiles Standardisierungsverfahren entwickelt hat, den DIN SPEC. Hierbei kann jeder einen Prozessablauf auslösen und über eine inhaltliche Workshop-Phase innerhalb von wenigen Monaten eine Veröffentlichung erreichen.

So entstand beispielsweise die DIN SPEC 920001-1, ein Qualitäts-Metamodell für Künstliche Intelligenz. Sie stellt eine Grundlage für „widerstandsfähige, nachvollziehbare, sichere und vertrauenswürdige KI-Anwendungen“ dar. Auf dieser Basis sind weitere Standards geplant.

Daten- und Informationssicherheit

Auf der Hannover Messe gab es tatsächlich eine ganze Halle mit Unternehmen, die sich mit dem Thema „Industrial Security“ beschäftigen. Wir müssen uns vor Augen führen, dass Produktionsprozesse und IT-Infrastrukturen immer vernetzter werden: Es gibt eine immer größere Zahl an Schnittstellen und potenziellen Angriffspunkten in immer komplexer werdenden Systemen. Obendrein darf Sicherheit nicht auf Kosten von Geschwindigkeit oder Verfügbarkeit gehen. Gerade für mittelständische Unternehmen wird es eine Herausforderung werden, hier Schritt zu halten.

Eine Lösung, die sich andeutet: Blockchain wird hier künftig eine größere Rolle spielen. Durch ihre Dezentralität bietet die Blockchain eine geringere Angriffsfläche für Cyberattacken, andererseits können die einzelnen periodischen Datensätze einfacher geprüft werden.

Cloud

Die riesigen Datenmengen, die durch die Entwicklung der Industrie 4.0 generiert werden, stellen nicht erst bei ihrer Auswertung eine Herkulesaufgabe dar. Wir erleben, dass es bereits zur Herausforderung wird, diese zu speichern. Unternehmen sind oftmals gezwungen, eigene Rechenzentren zu betreiben – oder Daten in die Cloud auszulagern. Letzteres ist meist der praktikabelste Weg: Die Datenkompetenz bleibt im Unternehmen, die Datenmengen landen in der Cloud.

Amazon informierte auf der Hannover Messe über seine Kooperation mit VW und den Aufbau einer gemeinsamen Supercloud. In dieser sollen in Zukunft sämtliche Daten aus der Produktion des Konzerns zusammengeführt werden – also von mehr als 30.000 Standorten, 1.500 Zulieferern und 122 Fabriken. Dadurch sollen Prozesse optimiert und die Produktivität gesteigert werden. Das hat eine Dimension, bei der dem Thema Sicherheit eine immense Rolle zukommt.

Energieeffizienz

Der Umgang mit natürlichen Ressourcen und die Suche nach Möglichkeiten, um Energie effizient zu nutzen, war ein Thema, das auch die Hannover Messe durchdrungen hat. Und zugleich zeigte sich auch hier, wie weit sich die Messe von der klassischen Investitionsgüterschau wegentwickelt hat: Hätte man vor einigen Jahren vielleicht effizienter arbeitende Maschinen und leichter laufende Motoren präsentiert, so wurde in diesem Jahr auch das Thema Energieeffizienz aus dem Blickwinkel der Digitalisierung betrachtet: Aussteller präsentierten Softwarelösungen für optimiertes Energiemanagement, mit dem sich Verteilung, Speicherung und Nutzung von Energie steuern und der Verbrauch minimieren lassen.

Gerade im Zuge der Umstellung auf erneuerbare Energien kommt der digitalen Steuerung eine wesentliche Rolle zu. Künstliche Intelligenz kann zugleich dabei helfen, Energiebedarf vorherzusagen und die richtige Verteilung aus dezentralen Quellen zu managen. Bereits zum vierten Mal zeigten schwedische Cleantech-Unternehmen in einem gemeinsamen Energiepavillon innovative Lösungen vom Smarthome bis zur Elektromobilität. Plakativ übersetzt wurde der Auftritt durch eine Stadtkulisse, die die teilweise hochtechnischen Angebote in eine greifbare Alltagsästhetik übersetzte.

Mobilfunkstandard 5G

Die Diskussion über den Aufbau eines 5G Mobilfunknetzes war in den vergangenen Monaten in den Medien allgegenwärtig. Früher oder später ging es dabei stets um mögliche Kompromisse und die Frage, wie flächendeckend ein solches Netz in Deutschland verfügbar sein könnte oder müsste. Hier habe ich das Gefühl, dass oftmals schlicht nicht verstanden wird, wie unverzichtbar dieser neue Standard sein wird: Sämtliche Themen, die die Industrie bewegen, setzen die Übertragung massiver Datenmengen in Echtzeit, lückenlose Vernetzung und dauerhafte Verfügbarkeit voraus. Ist dies in Deutschland in naher Zukunft nicht überall möglich, dann ist es kein geeigneter Industriestandort mehr. So einfach ist das.

Das Schmerzhafte: Man muss nichts ins Silicon Valley oder nach China blicken, um zu sehen, dass man das Thema Digitalisierung auch entschlossen und voller Optimismus anpacken kann. Schweden gilt als einer der Treiber der digitalen Transformation, was nicht nur an der Innovationsfreude der Industrie liegt, sondern ganz wesentlich daran, dass die Regierung die passenden Rahmenbedingungen schafft und gezielt Berührungsängsten ihrer Bürger entgegenwirkt: Schon in den Neunzigerjahren hat sie Heimcomputer bezuschusst, heute wird schon in der Grundschule Programmieren gelehrt. Und obendrein berücksichtigt die Digitalisierungsstrategie die Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Kooperation ist in Schweden verankert, denn 90 Prozent aller Unternehmen sind Kleinstbetriebe, die auf die Zusammenarbeit mit anderen angewiesen sind. Ein Eldorado für digitale Start-ups, die sowohl für große Konzerne als auch für eine internationale Zusammenarbeit interessant sind.

Schweden war damit vielleicht das logische Gastland für eine Messe im Zeichen der Digitalisierung – und hat die Gelegenheit sympathisch und selbstbewusst genutzt. Eben nicht technisch, nerdig oder stocksteif, sondern voller Lockerheit: der Stand ein einziges Co-Lab, hilfsbereite Mitarbeiter im knallgelben T-Shirt, Offenheit und Kollaboration in jede Richtung. Ein exaktes Abbild der Erfolgsfaktoren, die Schweden in allen relevanten internationalen Vergleichsrankings der Industrie 4.0 an die Spitze katapultieren. Während mein Messetag also damit begann, dass ich mir über die Unzugänglichkeit von Branchen-Buzzwords Gedanken machte, endete er ungeplant auf der schwedischen Partner Country Night. Und ich stellte fest: Digitale Transformation kann verdammt viel Spaß machen, wenn man sie mit schwedischen Augen betrachtet.

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